Erfolgsgeschichten
Käsereigenossenschaft Guggisberg: Wie aus drei lokalen Kleinkläsereien eine grosse wird
Käsereigenossenschaft Guggisberg: Wie aus drei lokalen Kleinkläsereien eine grosse wird

Bis im Jahr 2015 gab es in der Gemeinde Guggisberg die Emmentalerkäserei Riffenmatt und die Gruyèrekäsereien Allmendli und Scheuerguthubel. Als die Sortenorganisation Interprofession du Gruyère der Käsereigenossenschaft Riffenmatt die Produktionsbewilligung für Greyerzerkäse erteilte, war der Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gelegt. Die drei Genossenschaften beabsichtigten zu fusionieren und einen Neubau für eine gemeinsame zentrale Käserei zu errichten. Die Hürden, die es zu bewältigen gab, erwiesen sich als grosse Herausforderungen, die das Vorhaben bisweilen fast scheitern liessen. Fünf Jahre nach der Erteilung der Produktionsbewilligung konnte am 1. Januar 2018 erstmals die Milch der fusionierten Käsereigenossenschaft Guggisberg in der neugebauten Käserei Hirschmatt zu Gruyère verarbeitet werden.

Das milchwirtschaftliche Umfeld

Bis im Jahr 2015 gab es in der Gemeinde Guggisberg die Käsereigenossenschaften Allmendli, Riffenmatt und Scheuerguthubel. Jede Genossenschaft besass eine eigene Käserei, die durch einen Milchkäufer geführt wurde. Die Käserei Allmendli wurde 1900 erbaut. Sie hatte zuletzt elf Lieferanten, welche die Milch für die jährliche Produktion von 63,3 Tonnen Gruyère anlieferten. Die Käserei Scheuerguthubel mit ebenfalls elf Lieferanten war die älteste der drei Käsereien und produzierte 62,3 Tonnen Gruyère. Der Käserei Riffenmatt war die Emmentaler-Referenzmenge von 85,3 Tonnen zugeteilt, wovon je nach Freigabe und Qualität zwischen 50 und 65 % produziert werden konnten. Sie wurde 1991 letztmals saniert und zählte 14 Milchlieferanten. In allen drei Käsereien wurden ausserdem in kleinen Mengen Spezialitäten wie Vacherin und Weichkäse für die Dorfbewohner produziert.
Die Höfe der Genossenschafter befinden sich in der Bergzone II, zwischen Sense und Schwarzwasser. Die Bewirtschaftung der Betriebe ist aus topografischen Gründen erschwert. Die Milchwirtschaft ist das Hauptstandbein der landwirtschaftlichen Produktion. Für die drei Genossenschaften stellte sich die essentielle Frage
der zukünftigen Entwicklung der Milchverarbeitung. Ein Alleingang jeder Käserei wäre durch hohe Unterhalts- und Sanierungskosten geprägt gewesen, und längerfristig musste aus Qualitätsgründen mit dem Entzug der Produktionsbewilligung gerechnet werden. Dies hätte für die Milchproduzenten eine Umstellung auf Industriemilch zur Folge gehabt.

 

Die anspruchsvolle Projektphase

 

Ende Februar 2013 hat die Sortenorganisation Interprofession du Gruyère die Anfrage der Käsereigenossenschaft Riffenmatt für die Umstellung von Emmentaler AOP auf Gruyère AOP positiv beantwortet. Das war der Auslöser für die Zusammenarbeit der drei Genossenschaften. Die Fusion zur neuen Käsereigenossenschaft Guggisberg ermöglichte es den Mitgliedern der bestehenden Genossenschaften Allmendli und Scheuerguthubel weiterhin sowie den Mitgliedern der Käserei Riffenmatt neu Milch zur Herstellung von Gruyère zu produzieren. Der Gruyèremilchpreis lag damals mit 84 Rp./kg Milch mindestens 25 Rp./kg über dem Preis für Emmentaler- und Industriemilch. 

Die Euphorie der ersten Stunde wurde bald auf eine harte Probe gestellt. Der Berner Bauern Verband, der mit der Projektleitung sowie der rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Beratung beauftragt wurde, stellte sehr schnell fest, dass sich keine der drei bestehenden Käserei-Liegenschaften für die Sanierung mit Erweiterung eignete. Die gesamte Milchmenge der fusionierten Genossenschaften schien zu gering für die Unterstützung mit Investitionshilfen von Bund und Kanton. Als zusätzliches Kriterium musste berücksichtigt werden, dass die drei Käserei-Liegenschaften Allmendli, Riffenmatt und Scheuerguthubel erst auf den Zeitpunkt der Inbetriebnahme der neuen Käserei verkauft werden konnten. Die in den Liegenschaften gebundenen Eigenmittel standen der zukünftigen Käsereigenossenschaft Guggisberg damit während des Baus nicht zur Verfügung. Das bedeutete, dass die Bauherrin während der Bauphase einen höheren Kapitalbedarf aufwies. Somit wurde ein konkretes Vorprojekt mit einer neuen Käserei an einem zentralen Ort notwendig. Als Baustandort wurde eine Parzelle in der Hirschmatt gewählt. Die Baukosten beliefen sich auf rund 5 Millionen Franken inkl. Landerwerb und robotergesteuerter Käsepflege. Die zu verarbeitende Milchmenge betrug 2,5 Millionen Kilogramm. Die eher kleine Verarbeitungsmenge der neuen Käserei und die Unsicherheit bezüglich des Liegenschaftsverkaufs blieben nach wie vor die kritischen Elemente des Projekts. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht fehlten rund 1 Million Kilogramm zu verarbeitende Milch. Die Investitionskosten mit 2 Fr./kg Milch waren sehr hoch. Das Risiko, welches die allfälligen Geldgeber Bund, Kanton, Gemeinde sowie die finanzierende Bank übernehmen mussten, war schwer einschätzbar.

 

Die positive Vorprüfung der Unterstützungswürdigkeit mit Beiträgen und Investitionskrediten durch Bund und Kanton kam schlussendlich nur dadurch zustande, weil in der Region keine weitere Gruyèrekäserei für die Zusammenarbeit zur Verfügung stand und die Wirtschaftlichkeit des Neubaus aufgezeigt werden konnte. Die Erreichung der betriebswirtschaftlichen Ziele erforderte hingegen vom Käser und den Mitgliedern der neuen Genossenschaft einschneidende Anpassungen bezüglich des Käsereizinses und des Saumgeldes (Rückbehalt von Milchgeld). Der errechnete Käsereizins belief sich vormals auf 12,6 Rp./kg Milch. Einen solch hohen Zins konnte ein Milchkäufer bei dieser Betriebsgrösse nicht erwirtschaften. Die Milchlieferanten mussten daher eine Kürzung des Milchgeldes um 4 Rp./kg Milch in Kauf nehmen, damit die Wirtschaftlichkeit gewährt und die Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern erfüllt werden konnten. Die Bank Gantrisch musste ebenfalls für ihren positiven Entscheid Kompromissbereitschaft zeigen. Bei der Finanzierung des Käsereineubaus beurteilte sie einerseits, ob die Baukosten finanziert und die jährlich anfallenden Kosten (Zinsen, Amortisationen und Nebenkosten) nach erfolgtem Neubau durch den zu erzielenden Cashflow gedeckt werden konnten. Andererseits musste sie das Finanzierungsrisiko bezüglich des ungewissen Verkaufs der drei alten Käsereiliegenschaften überprüfen. Sie konnte schlussendlich einen Teil des vorübergehend erhöhten Kapitalbedarfs durch die zusätzliche hypothekarische Belastung der drei bestehenden Käsereien decken. Für den Rest gewährte sie eine Zusatzfinanzierung auf dem Neubau.

 

Frontansicht


Die Fusion und der darauffolgende Neubau

 

konnten in Angriff genommen werden Am 31. Oktober 2015 lagen die definitiven Projektpläne, die Unternehmerofferten und alle anderen notwendigen Dokumente bereit. Am Morgen desselben Tages wurden in den Käsereigenossenschaften Allmendli, Riffenmatt und Scheuerguthubel die Generalversammlungen zur geplanten Fusion abgehalten. Bis zuletzt wurden harte Diskussionen zu den Themen Baustandort und Saumgeld geführt. Einerseits bedeutete der neue Käsereistandort in der Hirschmatt für einige Milchlieferanten Käsereiwege von bis zu 20 Kilometern und dies zweimal pro Tag. Auf der anderen Seite wurde es als äusserst unschön empfunden, dass nicht das volle Milchgeld von 84 Rp./kg Milch ausbezahlt werden konnte. Trotzdem setzte sich die Einsicht durch, dass nur durch eine Zusammenarbeit längerfristig vom Preis für Gruyèremilch profitiert werden kann und die Sortenorganisation Interprofession du Gruyère einen sehr starken Partner darstellt. Das zu erwartende Milchgeld abzüglich Saumgeld von 4 Rp./kg Milch lag immer noch über den alternativen Lösungen wie der Produktion von Emmentaler Käse oder Industriemilch. Alle drei Genossenschaften entschieden sich somit für eine Fusion, sodass am Nachmittag die erste gemeinsame Generalversammlung der neuen Käsereigenossenschaft Guggisberg zustande kam. An dieser vierten Versammlung wurden der neue Vorstand und die neue Kontrollstelle gewählt. Anschliessend stimmte die Generalversammlung dem Käsereineubau zu.

 

Käsefertiger

 

Der lange Weg hat sich gelohnt

 

Nach anderthalb Jahren Bauzeit konnte am 1. Januar 2018 erstmals Milch aus allen drei Käsereien in der neuen Käserei in der Hirschmatt zu Gruyère verarbeitet werden. Im Februar 2018 erfolgte die erste Milchzahlung an alle Genossenschafter. Der Milchkäufer bezahlt einen Käsereizins von 8,75 Rp./kg Milch, und die Mitglieder erhalten den von der Interprofession du Gruyère festgelegten Milchpreis von 85.15 Rp./kg Milch abzüglich Produktgebundene Beiträge von 0.929 Rp./kg und Saumgeld von 4.00 Rp./kg. Die drei bestehenden Käserei-Liegenschaften konnten verkauft werden. Mit dem Verkaufserlös, zusammen mit Hypotheken der Bank, Beiträgen von Bund, Kanton und Gemeinde, einem Investitionskredit und einem Stiftungsbeitrag der Schweizer Berghilfe sowie eigenen Mitteln der Käsereigenossenschaft Guggisberg konnten die Gesamtkosten von 5 Millionen Franken finanziert werden.

Wäre die Fusion nicht zustande gekommen, wäre der Milchpreis in absehbarer Zeit in allen drei alten Käsereien infolge hoher Reparaturen unter den neuen Milchpreis gefallen. Dieser Zustand hätte sich nicht mehr verbessert. Nach erfolgreicher Bauphase und Inbetriebnahme folgt für die noch junge Käsereigenossenschaft Guggisberg nun die Zeit der Festigung und Bewährung. Vieles steht ihr noch bevor, vieles hat sie aber auch bereits geschafft.