Widerstand entgegensetzen - ein Landwirt überwindet die Depression
Widerstand entgegensetzen - ein Landwirt überwindet die Depression

Das denkmalgeschützte, 200-jährige Emmentaler Bauernhaus strahlt Behaglichkeit aus. Die Gurken sind dieses Jahr früh gewachsen und werden später zu hausgemachten Essiggurken verarbeitet. Im umgebauten Stall werden 800 Kaninchen grossgezogen und damit eine Marktnische bedient. Der grosse Wald und die Milchkühe tragen ebenfalls zum Einkommen der Familie bei. Sorgen um die Zukunft macht sich der Landwirt Peter Jost (49) wenig. Auch die Tatsache, dass sein Sohn noch kein Interesse zeigt, den Bauernhof in dritter Generation zu übernehmen, nimmt er erstaunlich gelassen hin.

Dies war nicht immer so. Vor sieben Jahren schienen Jost die Belastungen zu erdrücken. Immer mehr Kontrollen verlangten einiges von ihm ab. Der Stall genügte den Tierschutzanforderungen nicht mehr. Doch der Ausbau des Stalls war nur sinnvoll, wenn der Landwirt auch mehr Kühe halten würde, wofür er nicht genug Land hatte. Das Dilemma schien unlösbar. Dazu kam die Führung eines Lehrbetriebs, was wiederum mit Auflagen verbunden war. Zunehmend fühlte sich Jost, als ob er nur noch für die Kontrolleure leben würde, nur noch funktioniere und nie genügen könne.

„Aber das war eben nur ein Teil der Wahrheit“, sagt er rückblickend, „ich setzte mich auch selber unter Druck.“ Zu den Alltagsbelastungen kamen Bürden aus der Vergangenheit, die er mit sich herumtrug: Der frühe und tragische Tod seines Vaters hatte seine Spuren in der Seele hinterlassen. Der Suizid eines ihm nahe stehenden Menschen verstören ihn. So kam es, dass er anfing, einen Kampf auszutragen zwischen dem Wunsch, wegen der Kinder weiterzuleben und immer drängenderen Gedanken an Suizid. Zwar hatte er schon von Depressionen gehört, aber dass er selber daran litt, merkte er nicht. Das Gespräch mit seiner Frau, die ihm Verständnis entgegen brachte und der Besuch beim Arzt brachte die Klärung. Mit der Diagnose Erschöpfungsdepression war es möglich, die nötige Hilfe in einer Klinik zu suchen.

Das Tückische an der Depression sei, dass man glaube, nicht mehr daraus herauszukommen, sagt Jost. Deshalb will er anderen Betroffenen Mut machen, ihre Situation anzunehmen und darauf zu setzen, dass es wieder besser kommt, auch wenn es seine Zeit braucht und mit Rückfällen zu rechnen ist. Wichtig sei, nach der Therapie nicht einfach gleich weiterzufahren wie vorher. Etwas Grundsätzliches müsse sich ändern. Jost scheint dies gelungen zu sein, denn er strahlt die Zufriedenheit eines Menschen aus, der etwas über sich gelernt hat. So kann er heute sagen: „Ich bin froh, dass mir dies passiert ist.“

Die Milchkühe haben in der Zwischenzeit den von Tierschutz geforderten Stall bekommen. Dadurch, dass er die Kühe eines Kollegen bei sich unterbringt, hat sich der Umbau gelohnt. Die beiden Landwirte wechseln sich beim Melken ab und haben dadurch mehr Freizeit. Dem neuen Futterband und der neuen Melkmaschine gegenüber war Jost anfangs zwar skeptisch eingestellt, aber sie haben eine deutliche Zeiteinsparung und Entlastung gebracht.

„Man muss lernen, Widerstand entgegen zu setzen“, sagt Jost. Mit den Kontrolleuren geht er heute anders um. Er nimmt nicht mehr einfach alles hin, steht für sich ein, und beim einen oder anderen Gespräch wurde ihm klar, dass auch die Kontrolleure selber unter Druck stehen. Bei seiner Therapie habe er gelernt, dass 90% aller Sorgen, die man sich macht, nicht eintreffen. Daran erinnert er sich, wenn er den Druck wieder spürt.

 

Monika Joss
Leiterin psy.ch


Der Wegweiser für psychische Gesundheit bietet eine Liste der Hilfsangebote im Kanton Bern sowie die wichtigsten Informationen zu psychischer Gesundheit: psy.ch
Das Berner Bündnis gegen Depression bietet Informationen zu Depression und einen Selbsttest: berner-buendnis-depression.ch
Darüber reden ist der erste Schritt zur Gesundung. Hier finden Sie Gesprächstipps: wie-gehts-dir.ch/
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